Ruth Altenhofer

RUSSISCH

Wenn Literatur, dann übersetze ich meist zeitgenössische Prosa - Erzählungen, Romane und andere Textformen. Meine Idée fixe sind Comics und Graphic Novels - weil Bilder gut erzählen können und Bubbles eine besondere Herausforderung sind.

2012 und 2015 wurde ich für Übersetzungen von Marina Zwetajewa/Boris Pasternak und von Wjatscheslaw Pjezuch mit dem Übersetzerpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Kontakt

ruth.altenhofer[at]literatur-uebersetzen.wien
+43 699 12041065

 

дekóder
[RUSSLAND ENTSCHLÜSSELN]

дekóder ist eine 2016 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Plattform für russischen Qualitätsjournalismus und wissenschaftliche Kompetenz aus deutschen Universitäten. Seit 2015 erscheinen dort Übersetzungen von mir.

 

 

Leseprobe

дekóder
[RUSSLAND ENTSCHLÜSSELN]

Aus: Totenwasser | Andrej I. Kolesnikow | 2004 | Übersetzung 2016

Ich kehrte über den bewährten Weg zur Schule zurück. Dort war bereits schwere Technik im Einsatz. Es waren jetzt immer mehr Leute im Hof. Ich sah, wie sich ein paar Menschen in Zivil auf den Eingang zu bewegten, schloss mich ihnen an (sie achteten gar nicht auf mich) und gelangte mühelos durch das Tor.

Ein Bagger schaufelte den Schutt beiseite, den man aus dem Turnsaal getragen hatte. Im Turnsaal selbst war es relativ sauber. Der Saal kam mir sehr klein vor, erstaunlich klein. Ich konnte nicht fassen, wie hier drei Tage lang mehr als tausend Menschen gewesen sein sollten. 

Der Gestank war schlicht unerträglich. Die Rettungskräfte arbeiteten bedächtig, räumten Aula und Speisesaal aus. Sie meinten, dass auch dort Menschen sein könnten. Wieder fuhr ein Kühlwagen in den Hof, der mit den Leichen beladen wurde, die immer noch auf dem Asphalt lagen. Viele der schwarzen Säcke schienen viel zu groß und federleicht. Darin waren die Leichen der Kinder.

Etwa 40 Meter entfernt lagen hinter einem kleinen Nebengebäude, Richtung Eisenbahnschienen, die Leichen der Rebellen auf dem Asphalt. Dorthin führten Beamte der Staatsanwaltschaft zwei Männer. Einer war dünn und klein, in auffallend sauberen Jeans und T-Shirt; der andere war groß und trug einen schmutzigen und zerrissenen Trainingsanzug. Ihre Köpfe waren mit Unterhemden umwickelt, mit Schlitzen für die Augen. Polizisten hielten diese Männer am Arm.    

Die Beamten der Staatsanwaltschaft begannen mit der Identifizierung. Die Beiden brummelten aufgeregt vor sich hin und deuteten dabei auf die Leichen. Sie benahmen sich irgendwie seltsam, flüsterten ihre Aussagen den Beamten ins Ohr, als fürchteten sie, dass noch jemand sie hören könnte.  

„Überlasst sie uns!“, ertönte ein durchdringender Schrei aus der Menge, die auf dem Bahndamm hinter der Absperrung stand. Die Leute hatten mitbekommen, was da passierte. Der Ermittler sah auf die Gefangenen und schüttelte den Kopf; mit Bedauern, wie mir schien.

„Gebt sie uns!“, schrie wieder jemand.

Da rief der Ermittler laut: „Kann ich nicht!“

Man brachte die Gefangenen weg.

Aljona Kamyschewskaja | Mein Sex | St. Petersburg | 2014

Autobiografisch inspirierte Graphic Novel über eine sowjetische Diplomatentochter, die sich mit mehr oder weniger Erfolg, aber umso mehr Einsatz zu einer sexuell aktiven und liebesfähigen Frau entwickelt.

Sucht als Buch noch einen deutschsprachigen Verlag.

Als Theaterstück mit Ninja Reichert inszeniert von Theater Quadrat, Aufführungen 2015 und 2016 in Graz, Villach und Wien (siehe Veranstaltungen).

 

"Mein Sex" bei dekoder

Aljona Kamyschewskaja | Mein Sex | St. Petersburg | 2014

Zum Internationalen Frauentag am 8. März 2018 erscheinen ein paar Seiten daraus bei dekoder

https://www.dekoder.org/de/article/graphic-novel-mein-sex

Galerie

Strapazin Nr. 118 | Pas de Deux | März 2015

Spezialausgabe zum Projekt Pas de Deux, einem künstlerischen Austausch zwischen ZeichnerInnen aus der Schweiz und Russland, mit Beiträgen von Lika Nüssli, Viktoria Lomasko, Askold Akischin, Julia Marti & Milva Stutz, Pierre Wazem, Olga Lawrentjewa, Isabel Peterhans, Polina Petrouchina, Simon Kiener, Warwara Pomidor, Andreas Kiener und Galja Pantschenko.

Übersetzung der Comics und Begleittexte aus dem Russischen.

Leseprobe

Strapazin Nr. 118 | Pas de Deux | März 2015

Viktoria Lomasko über ihre Serie 18+

Im Zusammenhang mit der Serie „18+“ höre ich oft die Frage, was eine heterosexuelle Künstlerin dazu bringt, lesbische Paare zu zeichnen. Darauf gibt es mehrere Antworten, am besten trifft es wohl: Viel stärker noch als diese andere Sexualität beeindruckt mich an Lesbenclubs die Abgrenzung eines weiblichen Umfelds, in dem die Rolle des Mannes aus dem Zentrum des weiblichen Universums verdrängt und auf null reduziert wird. [...] Während ich in Lesbenclubs massenhaft Skizzen machte, war ich einer neuen visuellen Sprache auf der Spur – Gesten und Körpersprache sind bei Lesbenpärchen anders als bei Heterosexuellen.     

Lebte ich in einem anderen Land, würde ich mich wohl auf diese Suche nach neuen Ausdrucksformen beschränken. Aber in Russland ist das Thema LGBT automatisch mit politischen und sozialen Fragen verbunden. [...] Gleichzeitig mit den Skizzen in Clubs begann ich, Portraits lesbischer Paare und Familien zu zeichnen, mit deren wörtlichen Zitaten. Meine zentralen Fragen an sie sind: „Was hat sich für euch nach dem gesetzlichen Verbot homosexueller Propaganda verändert?“* und „Wie trägt die Gesellschaft zur Stigmatisierung verschiedener sozialer Gruppen bei, unter anderem aufgrund von sexueller Orientierung?“  

* 2013 wurde in Russland ein Gesetz verabschiedet, das die Propaganda unkonventioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen verbietet.  Jegliche Information über LGBT muss mit dem Zeichen 18+ versehen sein  

SCHUW
Ein Gothic-Krimi in 8 Kapiteln von Olga Lawrentjewa

Zwei Geschwister aus St. Petersburg verbringen die Sommer der grimmigen 90er-Jahre auf der Datscha und spielen mit Teddybären und Barbie das von Banditenwesen und Tschetschenienkrieg geprägte Zeitgeschehen nach.

Als sich der Sohn eines Nachbarn mit der Jagdflinte seines Vaters erschießt, sind die Kinder gebannt: Warum hat er das getan, und war es nicht doch Mord? Haben ihn nicht vielleicht seine Eltern (zwei Saufköpfe) um die Ecke gebracht? Sie lauschen, was die Erwachsenen über Wassja und seinen Tod erzählen, finden und (vielmehr) erfinden Zusammenhänge und zeichnen und schreiben alles in Form streng geheimer Akte und Comics auf.

Diese Graphic Novel (244 S.) sucht noch einen deutschsprachigen Verlag. 

Galerie

Muris Weg
Roman von Ilja Bojaschow

Ein farbenprächtiger, philosophischer Roman über das Weiterkommen im Leben, geschrieben 2007 von Ilja Bojschow, übersetzt im Sommer 2017 für den Drava Verlag in Klagenfurt/Celovec

Leseprobe

Muris Weg
Roman von Ilja Bojaschow

Muri, ein frecher junger Kater aus einem bosnischen Dörfchen, hatte seinerseits nicht die geringste Ahnung von den Bloumberg‑Variationen. Der kleine Despot herrschte über seinen Platz neben dem Lehnsessel, wo man ihm eine alte Decke hingelegt hatte und eine Schale hingestellt. Den Obstgarten betrachtete er in seiner gutmütigen Einfalt ebenfalls als den seinen. Die ganze Bauernfamilie – Mutter, Vater, Sohn und Tochter – gehörte ihm und existierte nur, um seine Wünsche zu erfüllen. Beflissen bewachte der Kater sein Territorium, das er in allen Einzelheiten kannte – vom alten Brunnen bis zu den Apfelbäumen am Rande des Gartens. Außerdem unterhielt er sich auf seine Weise mit einer Vielzahl kleiner und großer Zauberwesen, die sein Grundstück besiedelten – von den ganz winzigen, kaum erkennbaren, die im Gras und in den Zweigen von Sträuchern wohnten und es sogar auf den scharfkantigsten Halmen schafften, sich aus Spinnweben eine Behausung zu bauen, bis zu den Teichgeistern, leichtfüßig, wie die Wasserläufer, und den Gespenstern auf der riesigen bemoosten Eiche beim Haus. Sein Verhältnis zum Hausgeist, der in den Zimmern wohnte – eine durchsichtige, körperlose Luftblase –, war durchaus loyal. Die Blase ließ den Kater sogar manchmal mit sich spielen.

Der Kater war also regsam, majestätisch und glücklich. Freilich hinterließen seine recht häufigen Geplänkel mit Fremdlingen ihre Spuren: Dann trottete der zerfledderte Krieger zu einer Wiese am Berg. Dort spürte er unfehlbar das Heilkraut Pektoralis auf und trank Kleetau, behandelte mit althergebrachten Methoden die Folgen der Scharmützel und fand sein seelisches Gleichgewicht wieder. Übrigens traf er des Öfteren im Gras auf winzige Menschlein mit durchsichtigen Flügeln, die emsig von Blüte zu Blüte flatterten. Die auch nicht gerade großen Nymphen hüpften mit ihnen im Reigentanz. Der Kater mochte die rotzigen Elfen nicht. Auch die Ameisen und einige Käferarten, die auf Wiesen und Lichtungen kribbelten und krabbelten und deren beißende Absonderungen lange die Nase betäubten, standen ihm bis obenhin. Doch das waren lauter Kleinigkeiten, ohne die man die Herrlichkeit des Seins gar nicht richtig auskosten könnte. Ohne jeden Zweifel hatte die strahlende Welt des Katers einen vollkommenen, umfassenden Sinn. Morgens und abends füllte sich sein Schälchen mit frischer Milch. In Garten und Silogrube fanden sich massenhaft Mäuse und Spitzmäuse. Vögel fielen ihm mal hier, mal da in die Krallen. Fremde Kater vertrieb er gnadenlos aus dem Garten, die Katzen gaben sich ihm bereitwillig hin, die Wunden verheilten erstaunlich schnell. Und abgesehen von Menschen und Tieren umgaben unseren Kater freundliche, jeden Streit tunlichst meidende Geister, die in der Luft schwebten und flatterten, schnauften, raschelten, weinten, fiepten, redeten, klagten und lauthals lachten, und die vor allem von überallher Nachrichten brachten: was sich beim Brunnen tat, und rund um den Teich, im Kuhstall und im Pferdestall, wo zwei zottelige, dickwanstige Pferdchen geräuschvoll ihr Heu mampften und schnaubten. Und all dieser unerschöpfliche Reichtum gehörte bis zum kleinsten Sandkorn ihm, dem Zaren dieser Gefilde, Herrscher über Mann, Frau und Kinder, dem König des Gartens, der Scheunen, des Kellers und des Kuhstalls (junge Hunde, die ihm diesen Status streitig gemacht hätten, schafften sich die Hausleute Gott sei Dank nicht an, nur ein steinalter Köter verbrachte noch seinen Lebensabend am Hof, doch der hatte kaum mehr Zähne im Maul, der alte Knacker).

So herrschte Muri, so regierte er, ohne den leisesten Schimmer von den Schwertern Zsu. O wonnevolle Muße! Alles war vorbei, als 1992 in Jugoslawien der Bürgerkrieg begann.