Ruth Altenhofer

RUSSISCH

Wenn Literatur, dann übersetze ich meist zeitgenössische Prosa - Erzählungen, Romane und andere Textformen. Meine Idée fixe sind Comics und Graphic Novels - weil Bilder gut erzählen können und Bubbles eine besondere Herausforderung sind.

2012 und 2015 wurde ich für Übersetzungen von Marina Zwetajewa/Boris Pasternak und von Wjatscheslaw Pjezuch mit dem Übersetzerpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

Kontakt

ruth.altenhofer[at]literatur-uebersetzen.wien
+43 699 12041065

 

dekoder - Russland entschlüsseln 1
Hg. von Tamina Kutscher und Friederike Meltendorf

Die wichtigsten Texte, die in den letzten Jahren für dekoder.org produziert und übersetzt wurden, auf 335 Seiten. Eine unerlässliche Quelle zur Entschlüsselung Russlands, erschienen 2019 bei Matthes & Seitz Berlin.

дekóder
[RUSSLAND ENTSCHLÜSSELN]

дekóder ist eine 2016 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Plattform für russischen Qualitätsjournalismus und wissenschaftliche Kompetenz aus deutschen Universitäten. Seit 2015 erscheinen dort Übersetzungen von mir.

 

 

Leseprobe

дekóder
[RUSSLAND ENTSCHLÜSSELN]

Aus: Totenwasser | Andrej I. Kolesnikow | 2004 | Übersetzung 2016

Ich kehrte über den bewährten Weg zur Schule zurück. Dort war bereits schwere Technik im Einsatz. Es waren jetzt immer mehr Leute im Hof. Ich sah, wie sich ein paar Menschen in Zivil auf den Eingang zu bewegten, schloss mich ihnen an (sie achteten gar nicht auf mich) und gelangte mühelos durch das Tor.

Ein Bagger schaufelte den Schutt beiseite, den man aus dem Turnsaal getragen hatte. Im Turnsaal selbst war es relativ sauber. Der Saal kam mir sehr klein vor, erstaunlich klein. Ich konnte nicht fassen, wie hier drei Tage lang mehr als tausend Menschen gewesen sein sollten. 

Der Gestank war schlicht unerträglich. Die Rettungskräfte arbeiteten bedächtig, räumten Aula und Speisesaal aus. Sie meinten, dass auch dort Menschen sein könnten. Wieder fuhr ein Kühlwagen in den Hof, der mit den Leichen beladen wurde, die immer noch auf dem Asphalt lagen. Viele der schwarzen Säcke schienen viel zu groß und federleicht. Darin waren die Leichen der Kinder.

Etwa 40 Meter entfernt lagen hinter einem kleinen Nebengebäude, Richtung Eisenbahnschienen, die Leichen der Rebellen auf dem Asphalt. Dorthin führten Beamte der Staatsanwaltschaft zwei Männer. Einer war dünn und klein, in auffallend sauberen Jeans und T-Shirt; der andere war groß und trug einen schmutzigen und zerrissenen Trainingsanzug. Ihre Köpfe waren mit Unterhemden umwickelt, mit Schlitzen für die Augen. Polizisten hielten diese Männer am Arm.    

Die Beamten der Staatsanwaltschaft begannen mit der Identifizierung. Die Beiden brummelten aufgeregt vor sich hin und deuteten dabei auf die Leichen. Sie benahmen sich irgendwie seltsam, flüsterten ihre Aussagen den Beamten ins Ohr, als fürchteten sie, dass noch jemand sie hören könnte.  

„Überlasst sie uns!“, ertönte ein durchdringender Schrei aus der Menge, die auf dem Bahndamm hinter der Absperrung stand. Die Leute hatten mitbekommen, was da passierte. Der Ermittler sah auf die Gefangenen und schüttelte den Kopf; mit Bedauern, wie mir schien.

„Gebt sie uns!“, schrie wieder jemand.

Da rief der Ermittler laut: „Kann ich nicht!“

Man brachte die Gefangenen weg.

Utopie und Feminismus
100 Jahre Gegenwart

Hg. Sarah Reimann und Annemie Vanackere, Matthes & Seitz Berlin 2018

Mit dem Theater HAU Hebbel am Ufer entwickelter Band über den Wandel historischer Utopien der Gleichheit in den letzten 100 Jahren, ausgehend von Texten der russischen Revolutionärin und Schriftstellerin Alexandra Kollontai.

Darin in meiner Übersetzung die Thesen zur kommunistischen Moral in ehelichen Beziehungen von Alexandra Kollontai 1921.