Maria Weissenböck

UKRAINISCH | BELARUSSISCH | RUSSISCH

Meine Begeisterung gilt der zeitgenössischen ukrainischen Literatur. Seit 2004 übersetze ich aus dem Ukrainischen, Belarussischen und Russischen - Prosa, Lyrik, fallweise auch Sach- und Fachtexte, u.a. für die Verlage Suhrkamp, Haymon und Residenz.
2004 gewann ich den Übersetzerpreis der Stadt Wien; ich war Stipendiatin verschiedener Übersetzerwerkstätten, dolmetsche im Kulturbereich und organisiere bzw. moderiere gerne Lesungen meiner AutorInnen.

Kontakt

maria.weissenboeck[at]literatur-uebersetzen.wien
+43 650 2332930 | Donaustraße 107/1 | 2344 Maria Enzersdorf

 

Sofia Andruchowytsch | Der Papierjunge | Roman
Übersetzung aus dem Ukrainischen | Residenz Verlag | 2016

Ein Buch wie eine Wunderkammer: "Der Papierjunge" erweckt eine vergangene Epoche zum Leben und erzählt von Verstrickung, Hingabe und Verrat.

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Sofia Andruchowytsch | Der Papierjunge | Roman
Übersetzung aus dem Ukrainischen | Residenz Verlag | 2016

Ein Buch wie eine Wunderkammer: "Der Papierjunge" erweckt eine vergangene Epoche zum Leben und erzählt von Verstrickung, Hingabe und Verrat.

Stanislau um 1900: eine galizische Kleinstadt am Rande der Monarchie. Adelja und Stefa, „miteinander verflochten wie die Stämme zweier Bäume“, einander stützend, einander die Luft zum Atmen nehmend, wachsen gemeinsam auf. Als Adelja den Steinmetz Petro heiratet, wird aus der engen Verstrickung ein Dreieck, aus dem Stefa sich vergeblich zu befreien trachtet. Und als der Magier Torn mit seinem Zirkus die Stadt besucht, taucht plötzlich der engelsgleiche Junge Felix in Petros Werkstatt auf – ein kleiner Schlangenmensch, sprachlos, biegsam und brüchig wie Papier.

 

Podium 179/180 - Ukraine
Aus dem Ukrainischen | Anthologie | 2016

Lyrik und Prosa aus der Ukraine. Herausgegeben von Tanja Maljartschuk.

ÜBERSETZTE AUTORINNEN:

Sofia Andruchowytsch, Mychajlo Brynych, Olena Herasymjuk, Kateryna Kalytko, Taras Prochasko, Iryna Schuwalowa, Hryzcko Tschubaj, Jurij Wynnytschuk, 

Leseprobe

Podium 179/180 - Ukraine
Aus dem Ukrainischen | Anthologie | 2016

Jurij Wynnytschuk

Das Mittagessen (Ausschnitt aus dem Roman „Frühlingsspiele in herbstlichen Gärten“)

"Liebst du mich?" raunt Lida mir ins Ohr und drückt ihren heißen Körper an mich.

"Ich liebe dich", sage ich.

"Ich liebe dich auch", flüstert sie und kitzelt mich mit der Zunge am Ohr, ihr heißer Atem dringt in die tiefsten Tiefen meines Gehirns ein und umhüllt jede noch so kleine Windung.

Wenn mir eine Frau die Liebe erklärt, füllen sich meine Augen mit Tränen, ich möchte weinen und schreien, vor ihr auf die Knie fallen, sie um Verzeihung bitten, für alles, alles, alles. Ich möchte sagen: Ich bin nicht gut genug für dich, ich habe keinen Anstand, ich bin voller Sünde, ich bin die Sünde in Person, ich bin ein Vampir, der den Lebenssaft aus hübschen Mädchen saugt, ich bin der Teufel, der in Versuchung führt, Gott hat mich auf die Erde geschickt, um die Moral so unschuldiger Wesen wie dir auf die Probe zu stellen. Aber natürlich sage ich nichts dergleichen, denn der Moment, in dem man einander die Liebe erklärt, ist wundervoll und man will ihn festhalten.

"Ich weiß nicht, was ich mit dir mache, wenn du mich verlässt", flüstert sie.

"Ich werde dich nie verlassen."

Und ich würde gerne glauben, dass es die Wahrheit ist, ich will es wirklich, denn wenn wir im Bett liegen, erhält alles unter der Decke Geflüsterte eine besondere Bedeutung, als wäre es ein Zauberspruch. Ich beginne nachzudenken, was ich Lida Nettes sagen könnte, ich suche nach Worten, verstricke mich darin wie in einem Netz, und während ich so grüble, nicke ich ein. Aber ihre Stimme holt mich in die Wirklichkeit zurück.

"Am Sonntag kommst du zum Mittagessen zu uns."

"Ich weiß."

"Zieh das kakaofarbene Hemd an und die helle Hose. Vergiss nicht, deine Schuhe zu putzen... Dich zu rasieren ...“

"Mir kommt vor, als wäre ich zum Empfang bei der Queen eingeladen."

"Noch schlimmer. Wenn du willst, dass ich zu dir ziehe, musst du ihnen gefallen."

„Und was würdest du sagen, wenn ich Selbstmord beginge?“

„Wegen mir? Oh, ich wäre außer mir vor Glück!“

Endlich schlafe ich ein und träume vom sonntäglichen Mittagessen. Ich liege nackt auf dem Tisch, ihre ganze Familie steht mit weißen Servietten vor der Brust um mich herum, sie stechen ihre Messer und Gabeln in mich, jemand streut Salz und Pfeffer auf mich, jemand bestreicht mich mit Senf, ein dritter übergießt mich mit Ketchup, und ihre räuberischen Zähne zermalmen gewissenhaft mein Fleisch, sie spucken die Knochen aus, lachen und verspritzen dabei roten Speichel. [...]

Link zu weiteren Leseproben von Podium

Maria Matios | Mitternachtsblüte | Roman
Übersetzung aus dem Ukrainischen | Haymon Verlag | 2015

Die tragischen Geschehnisse in der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs, erschütternd und erhellend erzählt von einer der bekanntesten ukrainischen Schriftstellerinnen: In einem abgeschiedenen bukowinischen Dorf lebt die junge Iwanka. Sie leidet an Epilepsie, die Bewohner betrachten sie als Sonderling. Doch fühlt sich das Mädchen in ihrer Fantasiewelt wohl, inmitten der Geschichten und volkstümlichen Weisheiten ihrer Großeltern.

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Maria Matios | Mitternachtsblüte | Roman
Übersetzung aus dem Ukrainischen | Haymon Verlag | 2015

Die tragischen Geschehnisse in der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs, erschütternd und erhellend erzählt von einer der bekanntesten ukrainischen Schriftstellerinnen: In einem abgeschiedenen bukowinischen Dorf lebt die junge Iwanka. Sie leidet an Epilepsie, die Bewohner betrachten sie als Sonderling. Doch fühlt sich das Mädchen in ihrer Fantasiewelt wohl, inmitten der Geschichten und volkstümlichen Weisheiten ihrer Großeltern. Von dort aus beobachtet sie das bunte Miteinander von Ukrainern, Juden und anderen Volksgruppen. Rasch lernt sie, was gut ist und was böse. Bis eines Tages die "roten Kommissare" einmarschieren, und bald darauf Deutsche und Rumänen – das gewohnte, friedliche Leben ist schlagartig vorbei. Menschen werden aus dem Dorf deportiert, die jüdischen Bewohner bangen um ihre Zukunft.
Kenntnisreich und einfühlsam zeichnet Maria Matios ein Panorama der wechselvollen Geschichte ihrer ukrainischen Heimat im 20. Jahrhundert.

Im Buch blättern auf der Homepage des Haymon Verlags

manuskripte | Zeitschrift für Literatur 203/2014 (140-144)

Gedichte von Volja Hapeyeva

Übersetzung aus dem Belarussischen

Leseprobe

manuskripte | Zeitschrift für Literatur 203/2014 (140-144)

Volja Hapeyeva, Gedichte

*********************

du hast mich im Dezember gestorben
ein Grammatikfehler und deshalb erschien es unmöglich
von intransitiv zu transitiv wurde
der Schmerz
den ich einst so tief ich nur konnte vergrub
bei dir
nun müssen mein Schmerz und ich aufbrechen
ein Koffer für zwei und ein Fahrschein
in eine Richtung natürlich nur
mein Schmerz und ich werden auf Bahnhöfen vagabundieren
auf Busbahnhöfen und Geleisen
ja so eine lange Reise
ist uns bestimmt
neun Kreise der Hölle – so lautet es offiziell
oder ganz einfach – tot bei lebendigem Leibe
pathetisch irgendwie
doch ohne Bedeutung
laut Vertrag bin ich in dieser Episode die Böse und muss gehen
nicht in 64 Jahren
sondern sofort
den Platz räumen für bessere Stories
viel zu spät retournierte Dinge gemeinsam gezeugte Worte
sind die letzten Zeugen dass da einst
ein Pronomen erster Person Plural war
doch Zeugen leben bekanntlich nicht lange
auf der Müllhalde von Katzen und einem Hund auseinander gezerrt
Pfoten halten die Hülle Zähnen zerfetzen die Namen
kurz und klein
ohne Hoffnung
endgültig unwiederbringlich
kein Flicken kein Kleben
für immer in Stücken
irreversibel und unheilbar
doch sorge dich nicht ich bin mutig genug
heimatlos zu vagabundieren und der Schmerz
ist mein größter
Trost

*********************

ich dachte nie dass ein Kleid zu tragen so schwer sein kann
einen Rock Absätze Kettenkram
und doch kein Christbaum zu sein
oder einer zu sein und es nicht zu sehen
es ist so unglaublich schwer
in einem Körper zu wohnen
der vielleicht nicht will
dass ich in ihm wohne
und ihn kleide
wie ich ihn kleide

vielleicht will er auffälliger für die anderen sein
verärgert über die weit geschnittenen Blusen
und ich antworte mit Ärger
vergesse dass jede von uns
oder jeder
nackt geboren wird
oder wurde …

im Vorzimmer vor dem Spiegel
erinnere ich mit den Augen was hinter uns liegt
und er
blickt zurück in Rage
weil ich wieder einmal das Falsche trage

Aus dem Belarussischen von Maria Weissenböck

magazyn literacki | literaturmagazin | літературний журнал

http://e-radar.pl und Druckversion
diverse Übersetzungen aus dem Ukrainischen seit 2010
Halyna Tkatschuk, Marysja Nikitjuk, Taras Prochasko, Tanja Maljartschuk, Andrij Pawlyschyn, Andrij Ljubka etc.

Leseprobe

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BÄREN FÜR MASCHA

Marysja Nikitjuk

[erste Szene]

 

Personen:

Mascha – Theaterkritikerin, 23 Jahre. Göre.

Lida – Maschas Mutter, 57 Jahre. Fauna.

 

Schnell lesen, emotional, ohne Pausen.

1.Szene

Lida steht in der Küche und macht Pfannkuchen, auf der Flamme daneben kocht gerade die Suppe auf, sie stellt die Pfanne zur Seite, hebt den Deckel des Suppentopfes und wirft frische Kräuter hinein. Dann dreht sie die Flamme ganz klein und schließt den Deckel. Eine Sekunde später brutzelt schon der nächste Pfannkuchen in der Pfanne. Nur ein Toter würde bei solchen Gerüchen nicht in die Küche schlurfen. Einen Toten gibt es nicht, stattdessen schlurft Mascha herein, etwas genervt, die Augen gerötet von der Computerarbeit.

Lida: Wir essen in ein paar Minuten. Was willst du?

Mascha: Was gibt es denn?

Lida: Alles.

Mascha: Dann alles. Meine Nerven brauchen Futter. Jetzt im Winter ist es besonders arg, am liebsten würde ich mich aufhängen.

Lida: Was faselst du da!

Mascha: Ich sage nur, wie es ist. Ich würde mich am liebsten aufhängen ... ich mach’s natürlich nicht, aber irgendwie, Mama, geht’s mir nicht gut ...

Mascha reibt sich die Hände, dann lächelt sie breit und zärtlich. Zärtlich, fast ironisch.

Lida: Schon wieder?

Mascha: Schon wieder.

Lida: Was schon wieder? Du erzählst ja nie etwas. Ich an deiner Stelle würde mir eine normale Arbeit suchen, naja, da hast du Kollegen, wirst sehen, dann ist alles anders. Ich habe davon geträumt, dass du berühmt wirst, dass man dich im Fernsehen sieht. Wieso solltest du nicht auch eine Society Show moderieren? Was gibt dir das Theater ... ich schaue jeden Abend die Show von Osadtscha ... du bist so hübsch und so klug  ...

Mascha: Mama, du weißt, dass ich vom Fernsehen weg bin, da ist es zum Kotzen und außerdem fad, und dort, wo es nicht fad ist, braucht man Protektion, hast du eigentlich eine Ahnung, was du dir da für deine Tochter wünschst, hast du auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht? Soll ich krepieren, während ich mit dem Kameramann auf dem Weg von einer Pressekonferenz zur nächsten im Stau stecke, soll ich mir die Augen beim Cutten verderben oder auf Pressekonferenzen mit allen möglichen Journalistenschweinen ficken ...

Lida: Wie redest du denn? So eine wie du kann sich wohl alles erlauben, du sitzt tagelang vor dem Computer und fickst trotzdem in der Gegend herum, wenn es wenigstens für etwas gut wäre. Pfui, was für ein hässliches Wort ... so unelegant ... du bist doch mein Blümchen ...

Mascha will etwas Ekelhaftes sagen, verstummt aber plötzlich.

Mascha: Naja, ja ...

Lida: Hast dir diesen Dima angelacht, der wird dich ohnehin nicht heiraten.

Mascha (aufbrausend): Verdammt, wozu soll ich heiraten? Wozu? Damit ich so ende wie du, wie alle? Mama, ich verstehe das nicht, ich bin keine Feministin, ehrlich, ich verstehe nur nicht, wie es sein kann, dass jeder mit irgendwem zusammenlebt, und keiner den anderen liebt, Mama, ich will das so nicht ... ich will mich nicht an den Herd fesseln lassen, ich will nicht so lieben, wie du Papa geliebt hast, du hast alles für ihn gemacht, und er hat’s einfach ignoriert, wie ein frigides Mädel, ich habe Angst, Mama ... Scheiße, mein Kopf ...

Mascha fasst sich an die Schläfen, setzt sich an den Tisch und drückt mit den Händen gegen den Kopf. Sie hat das Gefühl, als könne sie sich die Finger in den Nacken rammen, sie vergräbt die Hände tief in ihrem kurzen, strähnigen Schopf, dann kämmt sie sich mit den Fingern das Haar. Einen Moment lang nimmt sie diese Tätigkeit völlig in Anspruch, fast reißt sie sich an den Haaren, dann legt sie ihr Haar zu einem Häubchen.

Mascha: Häubchen-Täubchen, guten Tag, du geiles Säuchen.

Lida: Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt?

Mascha: Nein, das ist erst der Anfang.

Lida (will ihre Tochter von den Haaren ablenken, fragt vorsichtig): Was tut sich im Theater? Vielleicht besorgst du Papa und mir Freikarten ...

Mascha schaut Lida verwundert an, dann bricht sie in Gelächter aus.

 

Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck